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Es gibt eine leise Konstante im Leben, die uns begleitet,
ohne sich aufzudrängen. Sie ruft nicht laut. Sie flüstert nur ein einziges Wort: Morgen. Morgen ist auch noch Zeit. Morgen bin ich mutiger. Morgen lebe ich. Und wir nicken. Zu oft. Diese Konstante ist kein Feind. Sie fühlt sich vertraut an. Vernünftig. Erwachsen. Sie spricht die Sprache der Vorsicht und nennt sich Geduld. Doch manchmal ist sie nichts anderes als ein stilles Aufschieben des eigenen Lebens. Kein Drama. Kein Bruch. Nur ein weiteres Jahr, das vorbeigeht. Beim Schreiben dieser Zeilen stellt sich eine Frage, die mich nicht mehr loslässt: Wie viele gute Sommer bleiben mir noch? Nicht metaphorisch. Ganz wörtlich. Wie viele Sommer, in denen der Körper mitmacht. In denen die Abende lang sind und man sie nicht frühzeitig abbricht, weil morgen wieder alles funktionieren muss. Wie viele Sommer, in denen man die Wärme nicht nur spürt, sondern annimmt. In denen man draußen bleibt, weil man es will. Und weil man es kann. Der Sommer ist der Höhepunkt des Jahres. Vor ihm liegt der Frühling mit seiner Hoffnung: Bald wird alles leichter. Aber nach dem Sommer kommt der Abschied. Zuerst noch mit Altweibersommer und Herbst. Dann erfolgt unausweichlich das langsame Verblassen. Und der Winter hält Einzug mit seiner Kälte und Stille. So ist es jedes Jahr. Und so ist es oft auch im Leben. Das Leben selbst fragt nicht, ob wir bereit sind. Es verhält sich wie die Jahreszeiten: zuverlässig, unerbittlich, gleichgültig gegenüber unseren Plänen. Ein Sommer folgt dem nächsten, bis er es eines Tages nicht mehr tut. Wir warten, um nichts falsch zu machen. Wir warten, um uns zu schützen. Und merken erst spät, dass Schutz auch Verzicht sein kann. Zeit ist kein Vorrat, den man später anzapfen kann. Sie ist wie ein Sommertag: erst großzügig, dann plötzlich knapp. Man denkt, es sei noch früh und auf einmal steht die Sonne tief. Es gibt Träume, die verschwinden nicht abrupt. Sie werden leiser. Man bemerkt es nicht sofort. Erst rückblickend versteht man, dass etwas gefehlt hat. Und oft warten wir trotzdem. Auf ein Zeichen. Auf einen Moment, der eindeutig genug ist, um uns jede Verantwortung abzunehmen. Doch dieses Zeichen kommt nicht von außen. Du bist das Zeichen. Es ist wie mit einem offenen Fenster an einem warmen Abend. Die Luft ist weich, Stimmen ziehen von draußen herein, irgendwo klingt Leben. Man denkt: Ich lasse es noch offen. Ja, vielleicht war das Fenster offen, die Luft warm, das Licht genau richtig – und du dachtest, es hätte noch Zeit. Noch ein wenig. Dann schließt es sich. Leise. Ohne ein Geräusch. Nicht, weil du etwas falsch gemacht hast. Sondern weil der Tag gegangen ist. Er ist einfach weitergezogen. Wie es Tage nun einmal tun. Die Vergänglichkeit liegt in ihrer Natur. Irgendwann beobachtest du an einem Abend, wie der Himmel langsam verblasst. Die Sonne ist schon weg, aber ihr Licht hält sich noch. Die Sonne geht unter. Ein letzter Streifen Licht bleibt zurück. Und solange er noch da ist, kannst du ein Flüstern hören: Warte nicht auf später. Warte nicht auf ein Zeichen. Warte nicht zu lange! Comments are closed.
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Inés Witt
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