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Es gibt ein Alter im Leben, in dem das Trauern eine neue Gestalt annimmt.
Zuerst geschieht dies leise. Aber mit den Jahren wird die neue Gestalt der Trauer unüberhörbar und unvermeidlich. Dauerhaft, wie ein Grundton, der ab jetzt selbstverständlich mitschwingt. Für viele Frauen um die sechzig ist dies eine Zeit, in der sich Verluste überlagern. Der Verlust von Menschen. Der Verlust von Rollen. Der Verlust von Selbstbildern. Der Verlust von Zukunftsentwürfen, die einst selbstverständlich schienen. Altern ist kein einzelnes Ereignis. Es ist ein fortgesetzter Abschied. Unüberhörbar und unvermeidlich. „Alles, was wir lieben, wird entweder zu einer Erinnerung oder zu einer Wunde.“ Jorge Luis Borges Es gibt eine Trauer, die selten ausgesprochen wird: die Trauer um die eigene Jugend. Nicht nur um ein glatteres Gesicht oder einen beweglicheren Körper, sondern um das Gefühl von Möglichkeiten. Um das Vertrauen, dass „noch alles offen“ ist. Um die Selbstverständlichkeit, gebraucht zu werden, begehrt zu sein, erwartet zu werden. Diese Trauer ist kein Zeichen von Eitelkeit. Sie ist ein Zeichen von Bewusstsein. Wer trauert, hat wahrgenommen, dass etwas wirklich da war. Manche Frauen betrauern den Verlust eines Lebenspartners. Andere trauern um eine Ehe, die innerlich längst geendet hat, während sie äußerlich noch besteht. Wieder andere stehen in Wohnungen, die plötzlich zu groß geworden sind, seit die Kinder ausgezogen sind und spüren eine Leere, die mehr ist als fehlende Geräusche. Auch das ist Trauer: Nicht nur um Menschen, die gegangen sind. Sondern um Nähe, die sich verändert hat. Um Aufgaben, die nicht mehr gebraucht werden. Um eine Rolle, die man gut konnte. Und die vorbei ist. Vorbei wie ein Theaterstück. Man kann in den Aushängen lesen, was als nächstes gespielt wird. Aber das will man nicht. Man möchte die alte Rolle zurück. Aber so funktioniert das nicht. Jedenfalls nicht in diesem Leben. Unüberhörbar und unvermeidlich. Die vielleicht leiseste, aber tiefste Trauer ist jene um das ungelebte Leben. Um Entscheidungen, die man aus Pflicht getroffen hat. Um Mut, den man damals nicht hatte. Um Träume, die man verschoben hat und die nun still geworden sind. Was hilft? Nicht das Wegdrücken, sondern das Würdigen. Das Wertschätzen, was war. Dankbarkeit. Das Unüberhörbare und Unvermeidliche annehmen. Schwierig. Aber so funktioniert das nun mal. In diesem Leben. Trauer in jenem Lebensabschnitt verlangt keine schnellen Lösungen. Sie verlangt etwas anderes: Anerkennung. Dass man sich erlaubt zu sagen: Ja, das tut weh. Dass man aufhört, sich selbst dafür zu tadeln. Dass man versteht, Trauer ist kein Zeichen von Schwäche, sondern von Tiefe. Viele Frauen entdecken in dieser Phase etwas Neues, eine andere Form von Freiheit. Eine, die nicht mehr beweisen muss. Eine, die leiser ist, aber klarer. Eine, die nicht aus Hoffnung besteht, sondern aus Wahrheit. Altern bedeutet nicht, weniger zu werden. Es bedeutet, anders zu werden. Wie ein Schwan, der jetzt aufrechter geht, obwohl er gelebte Zeit auf seinem Rücken trägt. Er geht weiter. Er schwimmt weiter. Er fliegt weiter. Weil er weiß, dass ihn das Leben immer tragen wird. Weil er weiß, dass er nicht untergehen wird, nur weil er schon viele warme Sommer erlebt hat. Wer den Mut hat, seine Trauer nicht zu verdrängen, sondern ihr zuzuhören, entdeckt oft etwas Unerwartetes: eine neue, ruhigere Liebe zum eigenen Leben. Vielleicht ist das die Aufgabe dieser Jahre: nicht festzuhalten, sondern würdevoll loszulassen und sich dabei selbst nicht zu verlieren. Wie ein Schwan, der jetzt aufrechter geht, obwohl er gelebte Zeit auf seinem Rücken trägt. Comments are closed.
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Inés Witt
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