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Es gibt Menschen, die gehen durch ihr Leben
wie durch einen langen Flur. Geradeaus. Zielgerichtet. Mit einem Plan in der Hand und die Stirn in Falten gelegt. Und es gibt andere, oder vielleicht sind es dieselben, nur zu anderen Zeiten, die spüren plötzlich, dass der Boden unter ihren Füßen nicht nur fest ist, sondern schwingt. Dass Schritte nicht nur Mittel zum Zweck sind, sondern Ausdruck. Antwort. Resonanz. Vielleicht ist genau das Tanzen. Nicht als Technik. Nicht als Choreografie. Sondern als Haltung. Tanzen heißt, dem Moment mehr zu trauen als der Angst. Es heißt, nicht jeden Schritt vorher ausmessen zu müssen. Es heißt, die Bewegung entstehen zu lassen, während man sich schon bewegt. Wir sind es gewohnt, unser Leben zu strukturieren. Karrierepfade. Fünfjahrespläne. Sicherheitsnetze. Und all das hat seinen Platz. Doch manchmal wird aus der Struktur eine Rüstung. Aus der Vorsicht eine Starre. Tanzen hingegen entsteht von innen. Es ist ein Dialog zwischen dir und etwas Größerem. Zwischen deinem Atem und der unsichtbaren Musik, die dich umgibt. Manche nennen dieses Größere Gott. Andere nennen es Intuition. Wieder andere einfach Leben. Vielleicht hast du körperlich lange nicht mehr getanzt. Vielleicht erinnerst du dich an einen Abend, an Musik, an das Lachen, an dieses Vergessen der Zeit. Aber es geht um mehr. Tanzt du, wenn eine unerwartete Wendung kommt? Oder versteifst du dich? Tanzt du, wenn eine Beziehung sich verändert? Oder klammerst du dich an das Alte? Tanzt du, wenn das Leben dich einlädt, neu zu beginnen? Oder bestehst du auf dem Plan von gestern? „O Mensch, lerne tanzen, sonst wissen die Engel im Himmel mit dir nichts anzufangen.“ (Augustinus von Hippo) Ich mag diesen Gedanken. Nicht, weil Engel Buch führen. Sondern weil er daran erinnert, dass wir bewegliche Wesen sind. Dass wir nicht nur funktionieren, sondern schwingen. Vielleicht ist das ganze Dasein ein großer Tanz zwischen Werden und Vergehen. Zwischen Nähe und Loslassen. Zwischen Licht und Schatten. Wer tanzt, fällt auch. Vertritt sich. Verliert den Rhythmus. Doch wer nie tanzt, verpasst die Musik. Ganzheitlich leben heißt nicht, immer leicht zu sein. Es heißt, auch mit der Schwere in Bewegung zu bleiben. Auch mit der Angst einen kleinen Schritt zu wagen. Auch mit Unsicherheit einen Kreis zu drehen. Es heißt, dem Körper zuzuhören. Dem Herzen. Dem leisen Impuls, der sagt: „Vertrau.“ Tanzen im Leben heißt nicht, alles loszulassen. Es heißt, sich führen zu lassen von einer Weisheit, die tiefer reicht als dein Zweifel. Und vielleicht, ganz vielleicht, stehen die Engel nicht irgendwo oben, sondern genau dort, wo du den Mut findest, dich zu bewegen. Also heute, nur ein kleines Stück. Lockere deinen Gang. Lass die Schultern sinken. Hör hin, ob irgendwo Musik ist. Und wenn nicht, dann erschaffe sie. Laut oder leise. Langsam oder schnell. Egal. Lockere deinen Gang. Lass die Schultern sinken… Comments are closed.
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Inés Witt
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