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Einatmen.
Ganz unauffällig. Ausatmen. Zehn Minuten. Mehr braucht es nicht. Zehn Minuten, in denen du dich hinsetzt und nichts von dir verlangst. Kein Ziel, keine Verbesserung, kein Ankommen irgendwo anders. Nur dieses Dasein. Diese stille Geste ist eine feine Form der Selbstfürsorge und heilsam, weil sie nichts fordert. Friedensstiftend, weil sie dich zurückführt, bevor du dich verlierst. In der Stille zu sitzen heißt nicht, leer zu werden. Es heißt, ganz da zu sein. Wenn das Außen für einen Moment leiser wird, zieht sich das Persönliche sanft zurück. Die Rollen, die Geschichten, das ständige Sich-Beziehen auf etwas oder jemanden verlieren an Gewicht. Und in diesem Zurücktreten öffnet sich ein Raum, der nicht privat ist, sondern weit. Etwas Universelles erscheint, nicht dramatisch. Keine Erschütterung. Eher wie ein Erinnern. In dieser Stille bist du kein Kämpfer. Keine Biografie. Keine Geschichte, die getragen oder verteidigt werden müsste. Du bist das, was hier ist. Nichts, was geboren wird. Nichts, was sterben kann. Eine Präsenz, die nicht entsteht, sondern immer schon da war. Spür hin. Vielleicht tauchen innere Bilder auf. Gedanken. Erinnerungen. Nimm sie wahr und lass sie weiterziehen. Wie Wolken, die nichts vom Himmel nehmen. Oft glauben wir, wir bräuchten die Welt, um uns selbst zu erkennen. Einen Spiegel. Eine Reaktion. Eine Situation. Doch in der Stille geschieht etwas Unerwartetes: Wahrnehmung ohne Gegenüber. Du nimmst dich wahr, ohne dich anzuschauen. Du erkennst dich, ohne dich zu benennen. Es braucht keine Umstände dafür. Keine Geschichte. Keinen Freund und keinen Feind. Hier bist du frei. Nicht, weil alles gelöst wäre, sondern weil du für einen Moment in der Wahrheit des Lebens selbst ruhst. Und aus dieser Ruhe heraus verlieren die Umstände an Macht. Sie verschwinden nicht unbedingt, aber sie greifen weniger tief. Das Leben brennt weiter. Doch dieses Brennen erleuchtet, statt zu verzehren. Und aus dieser Klarheit heraus teilt sich etwas ganz Natürliches: die Liebe, die wir sind. Nicht als Gefühl, das kommt und geht, sondern als ein Grundton. Als sanftes Dasein ohne Absicht. Vielleicht verändert sich dann auch unser Bild vom Leben. Wir sind nicht mehr das Schiff, das von den Wellen hin- und hergeworfen wird. Wir sind nicht das Schiff. Wir sind das Meer. Weit. Tragend. Still in der Tiefe. Hör hin. Die Wellen des Lebens bewegen sich weiter. Doch sie bringen uns nicht mehr aus unserer Mitte. Wir bleiben – bei uns, wie das Meer in sich selbst ruht, während an seiner Oberfläche alles in Bewegung ist. Einatmen. Ganz unauffällig. Ausatmen. Und nichts weiter tun. Möge dir die Stille immer wieder gute Räume eröffnen… Comments are closed.
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Inés Witt
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