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Es gibt Gedichte, die sich anfühlen wie das Aufwachen
aus einem sehr alten Traum. Sie treten nicht durch die Tür. Sie stehen einfach irgendwann im Raum. Als wären sie schon immer da gewesen. So wie das Gedicht "Night" von Francis William Bourdillon. Eine mystische Momentaufnahme. Das Gedicht ist still, zurückhaltend. Und gerade deshalb berührt es. Night The night has a thousand eyes, And the day but one; Yet the light of the bright world dies With the dying sun. The mind has a thousand eyes, And the heart but one; Yet the light of a whole life dies When love is done. In der deutschen Sprache könnte man es vielleicht so verstehen: Nacht Die Nacht hat tausend Augen, und der Tag nur eines; doch das Licht der hellen Welt erlischt mit der sterbenden Sonne. Der Verstand hat tausend Augen, und das Herz nur eines; doch das Licht eines ganzen Lebens erlischt wenn die Liebe stirbt. Seit ich dieses Gedicht kenne, trägt es in mir denselben Klang wie ein in der Ferne schlagendes Herz. Nicht laut, nicht fordernd. Nur da. Manchmal glaube ich, die Nacht braucht ihre tausend Augen nicht, um zu sehen. Sie trägt sie, um uns daran zu erinnern, dass Sicht nicht nur aus Helligkeit entsteht. Manchmal glaube ich, dass es Räume gibt, in denen man nur versteht, wenn man weniger sieht. Und dass ein einziges Licht viel heller leuchten kann als unzählige Lichter. Der Tag mit seinem einen Auge ist kein Herrscher und keine Antwort. Er ist ein schlichtes Versprechen, ein behutsames Ja, das jeden Morgen neu ausgesprochen wird. Und wenn dieses Auge sich schließt, geht nichts verloren; es verwandelt sich. Was erloschen wirkt, ist nur der Schatten eines Übergangs. So wie in uns der Verstand mit seinen vielen Augen oft der Gegenpol des Herzens ist. Er streift umher, sucht Linien, Muster, Gründe. Das Herz aber… es sucht nichts. Es erkennt. Und manchmal, in einem jener sehr seltenen Augenblicke, stehen diese beiden Kräfte nebeneinander wie zwei Lichtquellen, die sich gegenseitig nicht auslöschen. Der Verstand leuchtet breit. Das Herz leuchtet tief. Beide zusammen ergeben eine Welt. Und doch trägt dieses Gedicht einen leisen Schmerz in sich. Etwas, das sich nicht erklären lässt. Nur bezeugen. Es sagt: Es gibt ein Licht, das nur einmal brennt. Kein zweites Mal. Und wenn dieses Licht verlischt, dann wird die Welt anders. Ein Ton fehlt. Ein Atemzug. Eine Wärme, die man nicht greifen konnte, solange sie da war. Das Gedicht urteilt nicht darüber. Es klagt nicht. Es raunt uns nur zu: So ist es, wenn Liebe stirbt. Und doch bleibt in dieser Wahrheit nichts Trostloses. Denn wo ein Licht erlischt, entsteht Raum. Einer, den man nicht sofort versteht. Einer, der erst später zu sprechen beginnt. So wandert das Gedicht durch mich hindurch wie ein Atem. Ein leiser Strom aus Nacht. Manchmal glaube ich, dass es Räume gibt, in denen man nur versteht, wenn man weniger sieht. Die Nacht.. Comments are closed.
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Inés Witt
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