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Das Zurückgewinnen des verletzten Kindes in uns ist kein lauter Prozess.
Dieser Prozess gleicht vielmehr einem Zen-Erlebnis: still, gegenwärtig und zutiefst einfach. John Bradshaw beschreibt in seinem Buch "Das Kind in uns: Wie finde ich zu mir selbst?" eine Wahrheit, die zugleich berührt und entlastet. Heilung bedeutet nicht, etwas Neues zu erschaffen, sondern zu dem zurückzukehren, was immer schon da war. Kinder sind von Natur aus Zen-Meister. Sie leben nicht aus Konzepten, Erinnerungen oder Erwartungen heraus, sondern aus dem Moment. Ihre Welt entsteht in jedem Augenblick völlig neu. Ein Blatt auf dem Boden ist kein „Blatt“, sondern ein Wunder. Ein Geräusch ist kein Störfaktor, sondern ein Ereignis. Für das nicht verletzte Kind ist Staunen kein Ziel, sondern ein natürlicher Zustand. Im Laufe unseres Lebens entfernen wir uns oft von dieser ursprünglichen Präsenz. Verletzungen, Anpassung, Erwartungen und Überforderungen lassen das innere Kind vorsichtig werden oder verstummen. Wir lernen zu funktionieren, zu analysieren, zu kontrollieren. Das Leben wird erklärbar – aber oft auch ärmer. Das Staunen weicht der Gewohnheit, das Spüren dem Denken. Die Arbeit mit dem inneren Kind wird häufig missverstanden. Sie wird als emotional aufwühlend, dramatisch oder gar schmerzhaft dargestellt. Doch Bradshaw weist auf etwas anderes hin. Die Heimkehr zum inneren Kind ist vor allem eine Wiederherstellung des Natürlichen. Und das Natürliche ist leise. Wie im Zen geht es nicht darum, etwas zu erreichen. Es geht darum, präsent zu werden. Das verletzte Kind in uns sehnt sich nicht nach Perfektion oder großen Durchbrüchen. Es sehnt sich nach Sicherheit, nach Erlaubnis zu fühlen, nach einem Raum, in dem es einfach sein darf. Genau hier berühren sich innere-Kind-Arbeit und Zen-Praxis: Beide laden uns ein, den gegenwärtigen Moment nicht zu verbessern, sondern ihn wahrzunehmen. Für das nicht verletzte Kind ist das Leben ein Mysterium, das gelebt werden will. Nicht gelöst, nicht kontrolliert, nicht bewertet. Diese Haltung steht im starken Kontrast zu unserer erwachsenen Welt, in der alles einen Zweck haben soll. Doch genau diese Zweckfreiheit ist heilsam. Sie erinnert uns daran, dass Dasein an sich genügt. Die Heimkehr bedeutet daher nicht, in die Vergangenheit zurückzugehen, sondern im Hier und Jetzt wieder Zugang zu einer ursprünglichen Lebendigkeit zu finden. Es ist das Wiederentdecken einer inneren Haltung, die sagt: So, wie es jetzt ist, darf es sein. Diese Wiederherstellung ist weder grandios noch dramatisch. Sie zeigt sich oft in kleinen Momenten, im bewussten Atmen, im stillen Genießen eines Sonnenstrahls, im spontanen Lächeln ohne Grund. Vielleicht ist das die größte Illusion unserer Heilungsvorstellungen: dass Veränderung spektakulär sein müsse. Doch wie Bradshaw es andeutet, zeigt die wahre Heilung einfach nur, wie das Leben sein sollte. Natürlich. Unangestrengt. Gegenwärtig. Wenn wir dem inneren Kind wieder zuhören, wenn wir ihm Raum geben, dann geschieht etwas Erstaunliches: Wir müssen nichts hinzufügen. Wir lassen lediglich weg, was uns von uns selbst getrennt hat. Und plötzlich fühlt sich das Leben wieder ein wenig so an wie früher. Offen. Geheimnisvoll. Und lebendig. Wie ein Zen-Moment. still, gegenwärtig zutiefst einfach. Und vollkommend ausreichend. Comments are closed.
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Inés Witt
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