Inés Witt
  • Home
  • Blog
  • Musik
  • Svenes Nite
  • Videos
  • Über mich
  • Kontakt
  • Impressum

 Mut  zur  Kreativität
​​

Der Herbst erzählt vom Loslassen

7/10/2026

 
Bild
„Wenn Du etwas loslässt, bist Du etwas glücklicher,
und wenn Du viel loslässt, bist Du viel glücklicher.
Wenn Du ganz loslässt, bist Du frei.“
Ajahn Chah

Vielleicht ist der Herbst die ehrlichste aller Jahreszeiten.

Er versucht nicht festzuhalten, was nicht bleiben kann.
Er verhandelt nicht mit dem Sommer.
Er bittet die Blätter nicht, noch ein wenig länger an den Zweigen zu hängen.
Er lässt geschehen, was geschehen muss.

Ein Blatt nach dem anderen löst sich.

Manche fallen lautlos.
Andere werden vom Wind davongetragen,
tanzen noch einmal über Wege und Wiesen,
bevor sie irgendwo liegen bleiben.

Und irgendwann stehen die Bäume da,
nackt und beinahe schutzlos.

Wir nennen das Vergänglichkeit.

Aber möglicherweise ist es auch Freiheit.

Wir Menschen sind nicht besonders gut im Loslassen.
Wir bewahren auf.
Dinge, Erinnerungen, Sätze.
Alte Verletzungen. Erwartungen.
Vorstellungen davon, wie etwas hätte sein sollen.
Manchmal tragen wir Geschichten jahrelang mit uns herum,
obwohl sie längst zu schwer geworden sind.

Vielleicht, weil selbst das Schwere vertraut ist.

Loslassen klingt so einfach.
Fast wie eine kleine Bewegung der Hand:
Öffnen – und fort ist es.

Aber manches klebt an uns.
Manche Erinnerungen haben Wurzeln geschlagen.
Manche Hoffnungen haben sich so tief in unser Leben hineingewoben,
dass wir gar nicht mehr wissen, wer wir wären, wenn wir sie nicht mehr festhielten.

Und vielleicht müssen wir das auch nicht sofort wissen.

Der Herbst wirft schließlich auch nicht alle Blätter an einem einzigen Tag ab.

Er lässt sich Zeit.

Heute eines.
Morgen drei.
Dann kommt ein Sturm und nimmt plötzlich mit,
was gestern noch fest am Zweig hing.

Vielleicht dürfen wir genauso sein.

Wir müssen nicht eines Morgens aufwachen und alles vergeben,
alles verstehen, alles hinter uns gelassen haben.
Vielleicht reicht es, ein kleines bisschen lockerer zu lassen.

Eine Erwartung.

Einen alten Satz.

Eine Antwort, die niemals kommen wird.

Die Vorstellung, dass etwas anders hätte sein müssen.

Wenn du etwas loslässt, bist du etwas glücklicher.

Vielleicht beginnt Freiheit tatsächlich so unscheinbar.

Und dann kommt der Winter.

Die Bäume stehen leer.
Kein Grün verdeckt ihre Äste, kein Blätterdach schützt sie.
Man sieht ihre Brüche, ihre schief gewachsenen Zweige,
die Stellen, an denen einmal etwas war und nicht mehr ist.

Und trotzdem stehen sie da.

Der Winter verlangt nichts von ihnen.

Sie müssen nicht blühen.
Sie müssen keine Früchte tragen.
Sie müssen niemandem beweisen, dass sie noch leben.

Sie ruhen.

Vielleicht liegt darin eine Weisheit, die wir beinahe vergessen haben:
Dass nach dem Loslassen nicht sofort etwas Neues entstehen muss.

Die Leere darf eine Weile leer bleiben.

Wir müssen nicht jede Lücke füllen.
Nicht jeden Abschied durch einen neuen Anfang ersetzen.
Nicht jedes Schweigen mit Worten überdecken.


Manchmal ist das kahle Land kein Ende.
Es ist ein Atemzug.

Unter gefrorener Erde geschieht etwas, das wir nicht sehen können.
Wurzeln schlafen.
Samen warten.

Leben zieht sich zurück in eine Tiefe,
in der es keine Zuschauer braucht.


Vielleicht geschieht auch in uns etwas Ähnliches,
wenn wir aufhören, alles festzuhalten.

Es entsteht Raum.

Und zunächst fühlt sich dieser Raum vielleicht gar nicht nach Freiheit an.
Vielleicht fühlt er sich nach Verlust an.
Nach Stille.
Nach einer ungewohnten Leere in den Händen.

Doch irgendwann merken wir,
dass Hände, die nichts mehr umklammern,
wieder etwas berühren können.
Dass ein Herz, das nicht mehr ununterbrochen mit dem Gestern verhandelt,
wieder hören kann, was heute geschieht.

Dass wir leichter werden.
Nicht, weil das Vergangene bedeutungslos geworden wäre.
Sondern weil es nicht mehr unser ganzes Gewicht tragen muss.

Der Baum vergisst seine Blätter nicht.
Sie werden Erde.
Sie kehren zurück in den Kreislauf,
aus dem irgendwann etwas Neues wachsen wird.

Vielleicht bedeutet Loslassen deshalb gar nicht, etwas wegzuwerfen.
Vielleicht bedeutet es nur, ihm zu erlauben, seine Form zu verändern.

Aus Nähe kann Erinnerung werden.
Aus Schmerz vielleicht irgendwann Mitgefühl.
Aus einem Ende eine Geschichte.
Aus einer Geschichte Stille.
Und aus der Stille vielleicht eines Tages etwas,
für das wir heute noch keinen Namen haben.

Wenn der Winter kommt, wissen die Bäume längst,
was wir Menschen immer wieder lernen müssen:
Man kann etwas verlieren und trotzdem ganz bleiben.
Man kann leer aussehen und voller Leben sein.

Und manchmal beginnt Freiheit genau dort,
wo wir die Hand öffnen und aufhören,
das festzuhalten, was ohnehin gehen möchte.

Vielleicht müssen wir gar nicht ganz loslassen.

Noch nicht.

Vielleicht genügt für heute ein einziges Blatt.


Der nächste Beitrag erscheint am 7. November  2026.

Das Paradies, das wir verließen

23/9/2026

 
Bild
​Vielleicht wird eines Tages ein Mensch auf dem Mars stehen.
​
Er wird durch eine Kuppel aus Glas auf eine endlose rote Landschaft blicken. 
 
Kein Vogel wird dort singen.
Kein Wind wird durch Blätter streichen. 
Keine Wolke wird über einen blauen Himmel ziehen. 
Es wird keine Wälder geben, keine Flüsse, keine Wiesen voller Wildblumen.
 
Nur Staub.
Und vielleicht wird dieser Mensch dann zum ersten Mal begreifen, 
was für ein Wunder die Erde war.
 
Wir sprechen oft davon, andere Welten zu erobern. 
Von Fortschritt. 
Von Technologie. 
Von den Sternen. 
 
Als wäre die Menschheit auf dem Weg zu einem großen Ziel.
 
Doch was, wenn die eigentliche Frage eine andere ist?
Was, wenn die größte Herausforderung nie darin bestand, den Mars zu erreichen?
Was, wenn sie darin bestand, auf der Erde miteinander zu leben?
Vielleicht wird man auf dem Mars sehr schnell lernen,
was Verbundenheit bedeutet. 
 
Dort wird niemand allein überleben können. 
Jeder wird auf jeden angewiesen sein. 
 
Die Luft wird geteilt werden müssen. 
Das Wasser wird kostbarer sein als Gold. 
Jede kleine Beschädigung einer Kuppel könnte das Leben vieler Menschen gefährden.
Dort oben wird niemand lange glauben können, unabhängig zu sein.
Und vielleicht wird genau das die große Ironie sein.
 
Erst in einer lebensfeindlichen Welt werden wir erkennen, 
wie lebensfreundlich unsere eigene war.
Die Erde ist ein Planet voller Wunder. 
Wir haben Ozeane, die den Himmel spiegeln. 
Wälder, die Sauerstoff schenken. 
Tiere, die diese Welt mit uns teilen. 
Jahreszeiten, Regen, Schnee, Sonnenaufgänge und Sternennächte.
 
Wir leben nicht auf einem gewöhnlichen Planeten.
Wir leben im Paradies.
 
Doch Paradiese haben eine merkwürdige Eigenschaft: 
Wer sie jeden Tag sieht, bemerkt sie irgendwann nicht mehr.
 
Dann werden Macht wichtiger als Mitgefühl. 
Besitz wichtiger als Gemeinschaft. 
Wachstum wichtiger als Weisheit. 
Das Ego wird lauter als die Stimme des Herzens.
Wir streiten um Grenzen auf einem Planeten, 
der aus dem Weltall betrachtet keine Grenzen besitzt.
Wir führen Kriege auf einem winzigen blauen Punkt, 
der durch die Dunkelheit des Universums reist.
 
Wir behandeln die Erde oft wie etwas Selbstverständliches, 
obwohl sie vielleicht einer der seltensten Orte überhaupt ist.
 
Vielleicht werden zukünftige Generationen einmal fragen:
Warum habt ihr nicht erkannt, was ihr hattet?
Warum habt ihr nach anderen Welten gesucht, 
bevor ihr gelernt habt, diese eine zu lieben?
 
Vielleicht werden sie auf dem Mars leben.
Vielleicht werden sie dort erstaunliche Städte bauen.
Vielleicht werden sie lernen, unter künstlichen Sonnen zu gedeihen.
 
Und dennoch werden sie sich nach etwas sehnen.
Nach dem Duft eines Waldes nach dem Regen.
Nach dem Rauschen des Meeres.
Nach dem Gesang eines Vogels am frühen Morgen.
Nach dem Gefühl von Gras unter bloßen Füßen.
 
Nach einer Welt, die nicht künstlich erschaffen wurde, 
sondern von selbst gewachsen ist.
Vielleicht wird die Menschheit erst dann begreifen, 
dass das größte Wunder niemals auf einem anderen Planeten lag.
 
Es lag immer hier.
 
Die Erde war nie nur ein Aufenthaltsort.
 
Sie war ein Geschenk.
 
Und vielleicht besteht wahre Entwicklung nicht darin, 
immer weiter hinauszufliegen.
Vielleicht besteht sie darin, endlich zu lernen, 
das Paradies zu bewahren, in dem wir längst leben.
 
Denn es wäre eine traurige Geschichte, 
wenn wir erst auf dem Mars erkennen würden, 
wie schön die Erde war.
 
Und doch liegt in dieser Erkenntnis auch Hoffnung.
 
Solange die Wälder noch rauschen.
Solange die Meere noch glitzern.
Solange irgendwo ein Vogel singt.
 
Ist es nicht zu spät.
 
Noch nicht.


​
Der nächste Beitrag erscheint am 7. Oktober  2026.
​

Sind wir die Krustenbrecher?

9/9/2026

 
Bild
Ich habe heute ein Video gesehen.
Doch nicht das Video selbst hat mich bewegt.
Es waren die Kommentare darunter.
Frauen und Männer - 62, 64, 67 Jahre alt.

Fast alle schrieben denselben Satz, nur mit anderen Worten:
„Ich lerne gerade erst, mich selbst zu mögen.“
„Erst jetzt glaube ich an mich.“
„Zum ersten Mal habe ich das Gefühl, genug zu sein.“

Ich saß da und dachte:
Was ist mit uns passiert?
Wie kann es sein, dass ein Mensch mehr als sechs Jahrzehnte braucht,
um sich selbst freundlich anzusehen?
Wie kann ein ganzes Leben vergehen,
bevor jemand den Mut findet, zu sagen:
Ich bin in Ordnung.

Vielleicht muss man unsere Generation verstehen,
bevor man sie beurteilt.
Wir sind nicht in einer Zeit groß geworden,
in der die Kinder gefragt wurden:
"Wie fühlst du dich?"
Wir wurden gefragt:
"Warum hast du das gemacht?"

Wir wurden nicht darin geübt, unserem Herzen zu vertrauen.
Wir wurden darin geübt, Erwartungen zu erfüllen.
Viele von uns kannten Schläge.
Viele kannten Demütigungen.

Viele kannten den Satz:
"Stell dich nicht so an."

Gefühle waren kein Kompass.
Sie waren ein Problem.

Stärke bedeutete oft, nichts zu zeigen.
Anpassung war sicherer als Echtheit.
Und Lob gab es meist nicht dafür, wer wir waren.
Sondern für das, was wir leisteten.

Vielleicht haben wir deshalb so früh gelernt,
uns selbst zu verlassen.
Wir wurden zu Experten darin,
die Stimmung anderer wahrzunehmen.
Zu Friedensstiftern.
Zu Funktionierern.
Zu Menschen, die alles konnten,
außer sich selbst liebevoll zu begegnen.

Wir bauten Häuser.
Gründeten Familien.
Arbeiteten jahrzehntelang.
Kümmerten uns um Kinder.
Später um unsere Eltern.
Und irgendwo dazwischen verloren wir
den Menschen aus den Augen, der all das trug.
Uns selbst.

Und dann geschieht etwas Merkwürdiges.
Mit sechzig.
Mit fünfundsechzig.
Mit siebzig.

Plötzlich beginnt etwas aufzubrechen:
Wir merken, dass wir niemandem mehr etwas beweisen müssen.
Dass Perfektion müde macht.
Dass Harmonie um jeden Preis kein Frieden ist.
Dass ein Nein manchmal liebevoller sein kann als tausend Ja.

Und irgendwann stehen wir vor dem Spiegel
und entdecken einen Menschen,
den wir unser ganzes Leben begleitet haben,
ohne ihn wirklich kennenzulernen.

Manchmal frage ich mich, ob wir vielleicht keine späten Lerner sind.
Vielleicht sind wir Pioniere.

Vielleicht sind wir die Generation, die den Auftrag hatte, etwas zu beenden.
Nicht den Kontakt.
Nicht die Familie.
Nicht die Liebe.
Sondern das alte Erbe aus Angst, Härte und Sprachlosigkeit.

Vielleicht mussten wir erst so alt werden,
weil niemand vor uns uns gezeigt hat,
wie Selbstliebe überhaupt aussieht.

Ich glaube manchmal, wir sind die Krustenbrecher.
Jahrzehntelang hat sich über vielen Herzen eine harte Schicht gelegt.
Gebildet aus Pflicht.
Aus Scham.
Aus Schweigen.
Aus Sätzen, die wir viel zu oft gehört haben.
Und nun beginnt diese Kruste zu reißen.
Nicht weil wir schwach geworden sind.
Sondern weil wir endlich stark genug sind, sie nicht mehr zu brauchen.

Vielleicht werden unsere Kinder und Enkel eines Tages gar nicht verstehen,
warum Menschen erst mit über sechzig lernen mussten, sich selbst zu mögen.

Und ganz ehrlich?
Ich hoffe, sie verstehen es nicht.
Denn das würde bedeuten, dass wir unseren Auftrag erfüllt haben.
Dass etwas bei uns aufgehört hat.
Dass wir die Kette nicht weitergegeben haben.

Vielleicht besteht Weisheit deshalb nicht darin, immer alles gewusst zu haben.
Vielleicht besteht Weisheit darin, irgendwann den Mut zu finden,
das eigene Herz nach Hause zu holen.

Auch wenn es erst mit fünfundsechzig geschieht.
Wahrscheinlich ist das gar kein spätes Erwachen.
Es ist eher der Moment, in dem eine ganze Generation zum ersten Mal wirklich aufsteht.

Und vielleicht werden wir deshalb einmal nicht als die Generation
in Erinnerung bleiben, die alles richtig gemacht hat.
​
Sondern als die Generation, die begonnen hat, das Richtige zu fühlen.

Vielleicht sind wir die erste Generation,
die nicht nur versucht zu überleben,
​sondern zu verstehen.


Der nächste Beitrag erscheint am 23. September 2026.


Wenn die Tür verschlossen bleibt

26/8/2026

 
Bild
Manchmal warten wir ein ganzes Leben darauf, 
dass unsere Eltern uns so sehen, wie wir sind. 

Und irgendwann erkennen wir: 
Vielleicht besteht Erwachsensein nicht darin, 
endlich gesehen zu werden. 
Sondern darin, sich selbst nicht länger zu übersehen.
 
Das zu erkennen, kann ein sehr langer Prozess sein…
 
Und es gibt einen Schmerz, über den nur wenige sprechen:
Den Schmerz erwachsener Kinder, 
die längst selbst fünfzig Jahre oder älter sind
und dennoch immer wieder vor derselben Tür stehen. 
Einer Tür, an die sie seit Jahrzehnten klopfen.
 
Nicht laut.
Nicht fordernd.
 
Sondern mit der leisen Hoffnung, 
irgendwann doch gesehen zu werden.
 
Viele glauben, dass solche Sehnsüchte irgendwann verschwinden.
Dass sie sich mit zunehmendem Alter erledigen. 
Doch das tun sie oft nicht. 
Denn unabhängig davon, wie alt wir werden, 
irgendwo in uns lebt immer noch der Mensch, 
der sich wünscht, von seinen Eltern erkannt zu werden. 

Nicht für das, was er leistet. 
Nicht für das Bild, das andere von ihm haben. 
Sondern für das, was er wirklich ist.
 
Manche Eltern können das.
Andere nicht.
 
Nicht immer aus Bosheit. 
Manchmal, weil sie selbst nie gelernt haben, 
einem anderen Menschen wirklich zu begegnen. 
Manchmal, weil sie ihre Kinder nur 
durch die Brille ihrer eigenen Erwartungen sehen. 
Oder weil sie ihr eigenes Leben so sehr beschäftigt, 
dass für die Wirklichkeit des anderen kaum Platz bleibt.
 
Dann entsteht etwas Merkwürdiges:
Nach einem schönen Telefonat keimt Hoffnung auf. 
Vielleicht wird jetzt alles anders. 
Vielleicht haben wir uns endlich verstanden.
Doch kurze Zeit später fällt wieder ein Satz. 
Eine Bemerkung. 
Ein Vorwurf. 
Eine Abwertung. 
Oder das, was tief bewegt, wird erneut übergangen.
 
Und plötzlich ist alles wieder da.
 
Die alte Enttäuschung.
Der alte Schmerz.
Die alte Frage:
Warum sehen sie mich nicht?
 
So beginnt oft ein Kreislauf aus Hoffnung und Ernüchterung, 
der sich über Jahre, manchmal über Jahrzehnte wiederholt.
 

Viele Menschen glauben dann, 
sie müssten sich nur noch besser erklären. 
Noch verständlicher werden. 
Noch geduldiger sein. 
Noch liebevoller. 
Noch mehr verzeihen.
 
Doch manchmal liegt das Problem gar nicht darin, wie wir anklopfen.
Sondern darin, dass die Tür sich von innen nicht öffnen lässt.

Das anzuerkennen gehört vermutlich zu den schwersten Schritten
​des Erwachsenwerdens.
 
Denn wir geben damit nicht unsere Eltern auf.
Wir geben die Hoffnung auf, sie zu verändern.

Das ist ein Unterschied.
 
Eine Kontaktpause kann deshalb etwas ganz anderes sein als Strafe oder Ablehnung.
Sie kann der Moment sein, in dem ein Mensch sagt:
Ich möchte nicht länger jedes Mal fallen, wenn ich gehofft habe.
 
Sie ist oft kein Ausdruck mangelnder Liebe.
Sondern ein Versuch, die eigene Seele vor immer denselben Verletzungen zu schützen.
 
Denn manchmal warten wir nicht zu lange auf das Leben. 
Wir warten zu lange auf Menschen, 
die uns nicht geben können, wonach wir uns sehnen.

 
Es braucht Mut, diesen Schritt der Pause zu gehen. 
Denn viele fühlen sich schuldig. 
Schließlich sind die Eltern alt geworden. 
Vielleicht brauchen sie Hilfe. 
Vielleicht bleibt nicht mehr viel gemeinsame Zeit.
 
All das kann gleichzeitig wahr sein.
 
Und trotzdem darf auch wahr sein,
dass Nähe nicht um jeden Preis gesund ist.
Dass Liebe nicht bedeutet, 
sich immer wieder selbst zu verlieren.
 
Manchmal bedeutet Frieden, 
aufzuhören, an eine Tür zu klopfen, 
die sich seit vielen Jahren nicht öffnet.
 
Nicht aus Trotz.
Sondern weil beide Hände gebraucht werden.
Zum Leben.
Zum Gestalten.
Zum Halten der Menschen, die heute da sind.
Zum Pflanzen neuer Hoffnungen. 
Zum Umarmen der eigenen Kinder oder Enkel.
Zum einfachen Dasein.
 
Vielleicht öffnet sich diese Tür eines Tages doch noch.
Vielleicht auch nicht.
 
Doch unser eigenes Leben sollte nicht davor stehen bleiben.
Es wartet darauf, gelebt zu werden.
 
Nicht in Bitterkeit.
Nicht im Kampf.
 
Sondern in der stillen Erkenntnis, 
dass Liebe manchmal bedeutet, 
loszulassen, was wir nicht verändern können,
damit wir die Kraft behalten für das, 
was uns noch entgegenkommt.
 
Denn nicht jede verschlossene Tür 
ist eine Aufforderung, noch fester zu klopfen.
 
Manche Türen lehren uns etwas anderes.
Dass der Weg weitergeht.
 
Und dass hinter uns längst ein Tor offensteht, 
durch das das eigene Leben auf uns wartet.


Der nächste Beitrag erscheint am 9. September 2026.
​

Wenn Menschen leiser werden

12/8/2026

 
Bild
Manchmal verschwinden Menschen aus unserem Leben.

Nicht mit einem Streit.
Nicht mit einem lauten Knall.
Nicht mit einer Erklärung.

Sie antworten seltener auf Nachrichten.
Sie ziehen sich zurück.
Sie sagen Treffen ab.
Sie werden still.

Für diejenigen, die zurückbleiben, ist das oft schmerzhaft.
Schnell entsteht die Frage, ob man etwas falsch gemacht hat.
Ob man verletzt hat.
Ob man vielleicht nicht mehr wichtig ist.

Doch manchmal hat dieses Verschwinden
gar nichts mit Ablehnung zu tun.

Vielleicht geschieht etwas ganz anderes.

Carl Gustav Jung schrieb einmal:
“Einsamkeit kommt nicht daher, dass man keine Menschen um sich hat,
sondern dass man nicht mitteilen kann, was einem wichtig ist.”


In diesem Satz steckt eine tiefe Wahrheit.
Denn Einsamkeit entsteht nicht zwangsläufig
durch die Abwesenheit von Menschen.
Man kann von vielen Menschen umgeben sein
und sich dennoch unverstanden fühlen.
Vielleicht kennen wir alle jene Momente,
in denen wir spüren, dass das Gespräch zwar stattfindet,
aber die eigentlichen Gedanken unausgesprochen bleiben.
Dass etwas Wesentliches keinen Raum findet.

Mit den Jahren verändert sich oft der Blick auf das Leben.
Dinge, die früher wichtig erschienen, verlieren an Bedeutung.
Gleichzeitig wachsen andere Fragen.
Wer bin ich wirklich?
Was trägt mich?
Was ist wesentlich?
Was bleibt, wenn vieles wegfällt?

Wer beginnt, solchen Fragen nachzugehen,
stellt manchmal fest, dass er stiller wird.
Nicht aus Überheblichkeit.
Nicht, weil andere Menschen weniger wert wären.
Sondern weil die Aufmerksamkeit sich für eine Zeit nach innen richtet.

Es gibt Phasen im Leben,
in denen wir nicht weiterkommen,
indem wir schneller werden.
Wir kommen nur weiter, indem wir stehen bleiben.


Dann beginnt eine Arbeit, die niemand sieht.

Alte Verletzungen melden sich zurück.
Übernommene Überzeugungen wollen überprüft werden.
Rollen, die lange getragen wurden, fühlen sich plötzlich zu eng an.
Man beginnt zu unterscheiden zwischen dem,
was wirklich zu einem gehört,
und dem, was man vielleicht nur gelebt hat,
weil es erwartet wurde.

Solche Prozesse brauchen Zeit.
Und sie brauchen Stille.

Vielleicht erklärt das,
warum manche Menschen sich zeitweise zurückziehen.

Nicht weil sie die Welt ablehnen,
sondern weil sie sich selbst wieder begegnen müssen.


Hinzu kommt etwas, das viele kennen:
Nicht jede Verbindung fühlt sich gleichermaßen nährend an.
Manche Begegnungen schenken Kraft.
Andere hinterlassen das Gefühl, erschöpft zu sein.
Manche Gespräche öffnen Räume.
Andere kreisen stundenlang um Oberflächen.

Je sensibler ein Mensch wird,
desto deutlicher spürt er oft diesen Unterschied.

Deshalb beginnt er vielleicht, bewusster auszuwählen,
womit und mit wem er seine Zeit verbringt.
Nicht aus Härte, sondern aus Selbstfürsorge.

Denn jede Veränderung ist zunächst zerbrechlich.

Wer sich wandelt, ist oft verletzlich.
Neue Gedanken sind noch jung.
Neue Wege noch ungewohnt.
Ein einziger spöttischer Satz kann manchmal
mehr verunsichern als zehn ermutigende Worte stärken.

Vielleicht ziehen sich Menschen deshalb manchmal zurück wie ein Gärtner,
der einen jungen Keimling vor Wind und Frost schützt.

Er weiß, dass die Pflanze später stark genug sein wird.
Doch im Anfang braucht sie Schutz.

Hinzu kommt, dass sich nicht alles erklären lässt.

Es gibt Erfahrungen, die man eher fühlt als versteht.
Veränderungen, die bereits stattfinden,
bevor Worte für sie gefunden werden können.

Manchmal fragt die Welt nach Erklärungen,
während die Seele selbst noch auf der Suche ist.

Dann bleibt oft nur Schweigen.

Die Natur kennt solche Rhythmen seit jeher.
Sie kennt Ebbe und Flut.
Tag und Nacht.
Sommer und Winter.

Kein Baum blüht das ganze Jahr.

Warum sollte der Mensch es tun?

Auch unsere Seele bewegt sich in Zyklen.
Es gibt Zeiten, in denen wir uns hinauswagen,
Menschen begegnen, Neues entdecken.
Und es gibt Zeiten, in denen wir uns sammeln,
zurückziehen und Kräfte ordnen.

Beides gehört zum Leben.

Doch unsere Welt tut sich manchmal schwer
mit diesen natürlichen Bewegungen.
Sie liebt das Sichtbare, das Aktive, das Ständige.
Sie erwartet Erreichbarkeit, Tempo und Fortschritt.

Dabei entsteht vieles Wertvolle gerade in den stillen Phasen.

Vielleicht sollten wir deshalb vorsichtiger werden,
wenn Menschen leiser werden.

Nicht jedes Verschwinden ist ein Abschied.
Nicht jeder Rückzug ist Ablehnung.
Manche Menschen gehen für eine Weile nach innen,
weil dort etwas Neues entstehen möchte.

Wie ein Samen unter der Erde.
Von außen scheint nichts zu geschehen.
Doch im Verborgenen wächst bereits das,
was eines Tages das Licht erreichen wird.

Und das ist möglicherweise eine der schönsten Erfahrungen,
die wir verinnerlichen dürfen:

Dass nicht alles, was still wird, verloren ist.
Manches sammelt nur Kraft für einen neuen Anfang.

Nicht jeder Rückzug ist Flucht. 

Manchmal ist er eine Heimkehr zu sich selbst.


​
Der nächste Beitrag erscheint am 26. August 2026.
​

Bin ich feige, wenn ich etwas beende – oder eher stark und klug?

15/7/2026

 
Bild
Manchmal stehen wir an einer Schwelle, 
die niemand von außen sieht.

Es ist kein lauter Schmerz.
Eher ein Verstummen.

Etwas, das einmal lebendig war, beginnt still zu werden.
Ein Gespräch, das sich im Kreis dreht.
Ein Traum, der seine Farbe verliert.
Eine Verbindung, die mehr Kraft kostet, als sie schenkt.

Und dann kommt diese Frage:
Darf ich gehen?
Oder ist es feige, aufzugeben?

Wir leben in einer Welt, die das Durchhalten feiert:
„Kämpfe weiter.“
„Gib nicht auf.“
„Halte durch.“

Und ja, es gibt Momente, 
in denen genau das richtig ist.
In denen Wachstum bedeutet, zu bleiben.
Dranzubleiben.
Nicht beim ersten Gegenwind umzudrehen.

Aber es gibt auch eine andere Wahrheit.
Eine leisere.
Eine, die weniger oft ausgesprochen wird:
Nicht alles, was wir begonnen haben, 
ist dafür bestimmt, dass wir es bis zum Ende festhalten.

Manches ist nur für eine Strecke gedacht.

Oftmals ist es keine Schwäche, etwas zu beenden.
Sondern eher eine Form von Ehrlichkeit.

Die Ehrlichkeit, sich einzugestehen,
dass sich etwas verändert hat.
Dass man selbst nicht mehr derselbe ist.
Dass ein Weg, 
der einmal richtig war, 
es jetzt nicht mehr ist.

Und vielleicht braucht es mehr Mut, das zu sehen,
als einfach weiterzugehen,
nur weil man es immer so gemacht hat.

Feigheit entsteht oft aus Angst vor dem Leben.
Aber manchmal entsteht das Festhalten 
aus Angst vor der Veränderung.

Aus Angst vor dem Ungewissen.
Vor der Leere danach.
Vor den Fragen:
 Was kommt jetzt?
Wer bin ich ohne das?

In diesem Licht betrachtet,
kann das Beenden sogar 
das Gegenteil von Feigheit sein.

Es kann bedeuten,
sich dem Unbekannten zuzuwenden,
ohne Sicherheiten,
ohne Garantie,
aber mit einem inneren Wissen:
So wie es ist, kann es nicht bleiben.

Stärke zeigt sich nicht nur darin,
durchzuhalten.
Manchmal zeigt sie sich darin,
loszulassen.

Womöglich ist die bessere Frage also nicht:
Bin ich feige oder stark?

Sondern:
Bin ich ehrlich mit mir selbst?
Handle ich aus Angst oder aus Klarheit?
Halte ich fest, weil es richtig ist 
oder weil ich mich nicht traue, loszulassen?

Es gibt kein allgemeingültiges Urteil.
Kein Außen, das wirklich beurteilen kann,
was innen geschieht.

Aber eventuell gibt es ein leises Gefühl,
das uns führt:
Ein inneres Nicken.
Oder ein stilles Zögern.

Und vielleicht dürfen wir lernen,
diesem Gefühl zu vertrauen.

Denn manchmal ist das Ende
nicht das Scheitern einer Geschichte.
Sondern ihr ehrlicher Abschluss.

Wie ein Blatt,
das sich vom Ast löst,
nicht aus Schwäche,
sondern weil seine Zeit gekommen ist.

Und während es fällt,
trägt es noch einmal das Licht,
dreht sich im Wind,
und vertraut darauf,
dass der Boden kein Ende ist,
sondern ein Übergang.

Möglicherweise ist genau das
die stille Form von Stärke:
Spüren, wann etwas gehen darf.
Und den Mut zu haben,
es gehen zu lassen. 

Und vielleicht beginnt genau dort
etwas Neues,
das wir noch nicht sehen können,
aber das bereits auf uns wartet. 

Vielleicht.

​
Der nächste Beitrag erscheint am 12. August 2026.

Die Sommer-Rauhnächte – eine Entdeckung

21/6/2026

 
Bild
Manchmal entdecken wir etwas im Außen,
das ein Gefühl bestätigt, das längst in uns gelebt hat...

Vor Kurzem bin ich auf etwas gestoßen,
von dem ich zuvor noch nie gehört hatte: die Sommer-Rauhnächte.

Die meisten Menschen, die sich mit den Rauhnächten beschäftigen,
denken an die Zeit zwischen Weihnachten und dem Dreikönigstag.
Jene zwölf Nächte, denen eine besondere Symbolkraft zugesprochen wird
und die für die zwölf Monate des kommenden Jahres stehen.

Dass es auch Sommer-Rauhnächte gibt,
war für mich eine Überraschung.

Und doch fühlte sich diese Entdeckung merkwürdig vertraut an.

Seit vielen Jahren empfinde ich die Zeit
rund um die Sommersonnenwende als etwas Besonderes.
Ich führte dieses Gefühl immer auf meinen Geburtstag zurück,
denn ich wurde am 21. Juni geboren, 
an jenem Tag, an dem die Sonne ihren höchsten Stand erreicht
und der längste Tag des Jahres gefeiert wird.

Vielleicht liegt es daran.

Vielleicht aber auch nicht.

Vielleicht spüren viele Menschen in diesen Tagen etwas,
das sich nur schwer in Worte fassen lässt: eine Schwelle.
Einen Übergang.
Einen Moment, in dem das Licht seinen Höhepunkt erreicht
und sich gleichzeitig bereits wieder auf den Weg in die andere Richtung macht.

Die Natur steht in voller Kraft.
Die Felder leuchten.
Die Rosen blühen.
Die Tage scheinen endlos.

Und dennoch beginnt bereits ein zartes Loslassen.

Genau diese besondere Qualität spiegeln für mich
die Sommer-Rauhnächte wider.

Sie beginnen meist am Abend der Sommersonnenwende
und dauern zwölf Nächte.
Ähnlich wie die Winter-Rauhnächte wird jeder Nacht
symbolisch ein Monat des kommenden Jahres zugeordnet:

Die erste Nacht steht für den Juli und den Neubeginn.

Die zweite Nacht für den August und die Frage nach den wahren Werten.

Es folgen Themen wie Liebe, Kreativität,
Transformation, Dankbarkeit, Visionen,
Freundschaft, Spiritualität, Berufung,
Hoffnung und schließlich die Fülle des kommenden Junis.

Ob man diese Zuordnungen wörtlich nimmt
oder eher als Inspiration versteht, bleibt jedem selbst überlassen.

Mich fasziniert vor allem die Idee,
dass wir mitten im hellsten Licht des Jahres innehalten dürfen.

Dass wir nicht erst im Winter Bilanz ziehen können.

Dass wir auch im Sommer den Impuls bekommen,
nach innen lauschen.

Vielleicht sind die Sommer-Rauhnächte keine Zeit des Rückzugs
wie ihre winterlichen Schwestern.
Vielleicht sind sie vielmehr eine Zeit des bewussten Wahrnehmens.

Eine Einladung, den Duft der Rosen nicht zu übergehen.

Dem Gesang der Vögel zuzuhören.

Barfuß durch das Gras zu gehen.

Sich zu fragen:

Wo stehe ich gerade?
Was darf wachsen?
Was möchte ich loslassen?
Und was möchte ich mitnehmen in die kommenden Monate?

Ich weiß nicht, ob die Sommer-Rauhnächte historisch
genauso tief verwurzelt sind wie die Winter-Rauhnächte.

Aber ich mag die Vorstellung:

Zwölf Sommernächte.
Zwölf kleine Fenster in die Zukunft.
Zwölf Gelegenheiten,
aufmerksam zu werden für das,
was in uns wachsen möchte.

Vielleicht werde ich in diesem Jahr
erstmals ein kleines Notizbuch bereitlegen.
Jeden Abend ein paar Gedanken aufschreiben.

Und womöglich ist genau das der eigentliche Zauber solcher Zeiten:

Nicht die Vorhersage der Zukunft.

Sondern die bewusste Begegnung mit dem gegenwärtigen Augenblick.
Während draußen die Sonne noch lange am Himmel steht
und die Natur ihr hellstes Lied singt.


​Der nächste Beitrag erscheint am 15. Juli. 

Ein Buch macht sich auf den Weg

15/6/2026

 
Bild
Heute möchte ich einmal in eigener Sache schreiben.

Über viele Jahre hinweg sind auf meinem Blog Texte entstanden.

Gedanken über das Leben.
Über Abschiede und Neuanfänge.
Über Kreativität, Stille und Hoffnung.
Über die Natur, die Tiere und die leisen Wunder am Wegesrand.

Aus diesen Texten ist nun ein Buch geworden.

So manches durfte für dieses Buch noch einmal wachsen,
sich verändern und mit viel Hingabe überarbeitet werden.

„Warte nicht zu lange“ erscheint am 19. Juni 2026.

Der Titel dieses Buches begleitet mich schon mehrere Monate.
Er geht auf einen Satz meines Vaters zurück:
„Warte nicht zu lange.“

Vielleicht brauchen manche Dinge ihre Zeit.
Und vielleicht kommt irgendwann der Moment,
an dem man spürt:
Jetzt darf etwas hinaus in die Welt.

Ich freue mich sehr, dass dieses Buch nun
seinen Weg zu den Leserinnen und Lesern finden darf.

„Warte nicht zu lange“ wird über Amazon erhältlich
und,  soweit ich informiert bin,
​auch über den Buchhandel bestellbar sein.

Dieses Buch ist kein lautes Buch geworden.
Eher ein stiller Begleiter.
Ein Buch zum Innehalten.
Zum Blättern.
Zum Wiederlesen.

Vielleicht wie ein kleines Fenster,
das sich für einen Moment öffnet.

Ich danke allen,
die meine Texte in den vergangenen Jahren gelesen,
geteilt,
kommentiert
oder mich auf andere Weise begleitet haben.

Ohne euch wäre dieses Buch niemals entstanden.

Von Herzen,
Inés Witt


Am 21. Juni  erscheint ein neuer Beitrag.

Was hilft aller Sonnenaufgang, wenn wir nicht aufstehen?

3/6/2026

 
Bild

Es gibt jeden Tag einen Sonnenaufgang.
Ganz gleich, wie die Nacht war.
Ganz gleich, ob wir traurig waren, müde, 
hoffnungslos oder voller Träume.
Die Sonne geht trotzdem auf.

„Was hilft aller Sonnenaufgang, wenn wir nicht aufstehen?“
 - Georg Christoph Lichtenberg

Dieser Satz meint nicht nur das frühe Aufstehen am Morgen.
Er meint das Aufstehen im Leben.
Das innere Aufstehen.
Das Aufstehen nach Enttäuschungen.
Das Aufstehen nach Verlusten.
Das Aufstehen nach Zeiten, in denen wir gezögert haben, 
gezweifelt haben, uns versteckt haben.

Es gibt im Leben viele Sonnenaufgänge.
Neue Möglichkeiten.
Neue Begegnungen.
Neue Wege.
Neue Gedanken.
Neue Lieder.
Neue Texte.
Neue Chancen, jemandem zu begegnen 
oder jemand zu werden, 
der wir vielleicht schon lange sein könnten.

Die Natur lebt uns das jeden Tag vor.
Der Morgen kommt nicht plötzlich.
Er wächst.
Er wird langsam hell.
Ganz sanft, ganz vorsichtig.
Fast unmerklich.
Und irgendwann ist es Tag, 
ohne dass man genau sagen kann, 
wann die Nacht gegangen ist.

Auch ein Leben verändert sich 
oft nicht mit einem großen Knall,
sondern mit kleinen Schritten, 
kleinen Entscheidungen, 
kleinen Mutmomenten.

Ein Gespräch, das man doch führt.
Eine Idee, die man doch ausprobiert.
Eine Reise, die man doch macht.
Ein Lied, das man doch schreibt.
Eine Hand, die man doch ergreift.

Vielleicht geht es im Leben weniger darum, immer sicher zu sein.
Vielleicht geht es mehr darum, bereit zu sein.
Bereit, wenn sich eine Tür öffnet.
Bereit, wenn jemand uns anlächelt.
Bereit, wenn eine Idee anklopft.
Bereit, wenn das Leben sagt: Komm.

Der Rhythmus der Natur erinnert uns daran:
Es gibt eine Zeit der Nacht.
Eine Zeit des Wartens.
Eine Zeit des Wachsens unter der Erde.
Eine Zeit des Blühens.
Eine Zeit des Loslassens.
Und wieder eine Zeit des Neubeginns.

Wir müssen nicht immer rennen.
Wir müssen nicht immer stark sein.
Wir müssen nicht immer wissen, wohin alles führt.

Aber wenn unser innerer Sonnenaufgang kommt,
wenn wir spüren, dass etwas in uns heller wird,
wenn eine zarte Stimme sagt:
„Versuch es“
oder
„Geh diesen Schritt“
oder
„Trau dich“,
dann sollten wir aufstehen.

Nicht perfekt.
Nicht ohne Angst.
Nicht ohne Zweifel.

Aber aufstehen.

Die Welt wartet nicht darauf, dass wir perfekt sind.
Aber manchmal wartet das Leben darauf,
dass wir aufstehen.

Und vielleicht reicht es für heute schon,
nicht liegen zu bleiben,
sondern dem eigenen Leben
einen kleinen Schritt entgegen zu gehen.



Am 15. Juni erscheint ein neuer Beitrag.
​Dieser enthält alle wichtigen Infos zur Veröffentlichung meines Buches.
Mehr zu "Warte nicht zu lange" findest du jetzt schon auf meiner Startseite.
​

Das Flimmern des Erfolgs

13/5/2026

 
Bild
Ich saß mit meinem Mann am Küchentisch,
Kerzenlicht, Krümel, kalter Kaffee
und sagte:

„Ich wusste gar nicht,
dass Erfolg so scheiße ist.“

Nicht dass ich selbst mega erfolgreich bin.
Darum geht es nicht.

Ich beobachte nur.
Ich sehe,
was Erfolg mit Menschen macht.

Ich sehe,
wie leise er kommen kann 
und wie laut er etwas nimmt.

Ja, ich wusste gar nicht, 
dass Erfolg so scheiße ist.

Nicht der Traum.
Nicht das Brennen.
Nicht diese Nächte,
in denen Musik nicht geschrieben wird,
sondern sich ihren Weg durch dich bahnt.

Nein, darum geht es nicht.

Es geht um den Erfolg.

Dieses Wort mit Goldrand.
Dieses „Du hast es geschafft“-Wort.
Dieses Wort, das klingt wie Ankommen 
und sich manchmal anfühlt wie Verschwinden.

Früher war da dieser Junge von nebenan.
Drei Akkorde.
Zu viel Gefühl.
Er sang nicht perfekt.
Aber echt.

Seine Stimme hat nicht performt.
Sie hat geblutet.

Da war diese Frau,
die ihre Seele auf Bühnen legte
wie andere Leute Tischdecken.
Mit Flecken.
Mit Rissen.
Mit Wahrheit.

Und dann kommt er.

Der Manager.

Er findet dich nicht.
Er riecht dich.

Wie eine reife Zitrone
in einem Meer aus Plastikobst.

„Du bist besonders“, sagt er.
„Du bist anders“, sagt er.
„Bleib genau so“, sagt er 
und meint:
„Aber bitte kompatibel.“

Er scannt die Welt nach Lücken,
in die du perfekt hineinpasst.
Nicht als Mensch.
Als Marke.

Wo generierst du Reichweite?
Wo Umsatz?
Wo maximale Verwertbarkeit?

Und plötzlich bist du kein Herz mehr.
Du bist ein Hebel.

Die Kanten werden rund geschliffen.
Die Texte ein bisschen allgemeiner.
Der Schmerz ein bisschen gefälliger.
Die Stille ein bisschen kürzer.

Und das Heimtückische?

Es fühlt sich gut an.
Es fühlt sich so verdammt gut an.

Endlich gesehen werden.
Endlich Applaus.
Endlich dieses „Du bist relevant“.

Dopamin ist ein Meister der Tarnung.

Erfolg schmeckt süß,
bevor er dich verschluckt.


Du merkst gar nicht,
wie du dich verlierst.

Du denkst, du wächst.

Aber irgendetwas wird leiser.
Irgendetwas,
das vorher unersetzlich war.

Und vielleicht ist das die eigentliche Frage:

Willst du Millionen,
die dich nur streamen?
Oder wenige,
die dich wirklich fühlen?

Willst du einen Algorithmus voller Klicks 
oder einen Raum voller echter Augen?

Augen,
die dich nicht konsumieren,
sondern die dir begegnen.

Augen,
​in denen du dich wiedererkennst
und nicht nur dein Marketing.

Vielleicht ist wahrer Erfolg nicht die größte Reichweite.
Vielleicht ist es der Moment,
in dem jemand nach einem Lied zu dir sagt:

„Das war ich.
Du hast mich gerade verstanden.“

Vielleicht ist Erfolg nicht laut.
Vielleicht ist er intim.

Und ich glaube nicht mehr,
dass Erfolg an sich scheiße ist.

Erfolg kann wunderschön sein.

Aber nur,
wenn er dir gehört 
und nicht umgekehrt.

Wenn du ihn formst
und nicht er dich.

Sonst ist er kein Triumph.
Sondern ein leiser Verlust
mit Goldrahmen.

Und am Ende des Tages
am Küchentisch sitzen
und sagen können:

„Ich bin noch ich.“

Das wäre für mich Erfolg.

Ja, das wäre er.
​
Für mich.



Am 3. Juni erscheint ein neuer Beitrag.

Dem Wunder leise wie einem Vogel die Hand hinhalten

29/4/2026

 
Bild
Manchmal liegt die Magie des Lebens in wenigen Worten.
 
In Sätzen, die nichts erklären wollen
und doch etwas in uns zum Klingen bringen.
 
Und oft sind es gerade diese Worte,
die uns am tiefsten berühren.
 
So ist es auch mit den Zeilen von Hilde Domin:
​
„Nicht müde werden,
sondern dem Wunder
leise
wie einem Vogel
die Hand hinhalten.“
 

Sie stehen einfach da.
Still.
Fast schutzlos.
 
Und doch öffnen sie einen Raum.
Eine Ahnung von etwas,
das wir nicht alleine erschaffen können
und das uns doch manchmal findet.
 
Vielleicht sind Wunder keine Ereignisse.
Vielleicht sind sie eher wie ein leises Verschieben der Wirklichkeit.
 
Ein Moment, der sich ausdehnt, ohne dass wir ihn gerufen haben.
Ein Blick in der Dämmerung, der uns glücklich macht und gleich wieder vergeht.
Ein Gefühl, das für einen Atemzug lang alles an seinen Platz rückt.
 
Und dann ist es wieder still.
​
Gerade darin liegt die Zerbrechlichkeit dieser Wunder.
Sie erscheinen nicht im grellen Licht.
 
Sie zeigen sich eher am Rand der Dinge.
Dort, wo wir langsamer werden.
 
Wahrscheinlich sind sie wie die Tiere der Nacht.
Scheu.
Wachsam.
Nur für einen Augenblick sichtbar.
 
Sie kommen nicht näher,
wenn wir nach ihnen greifen.
 
Aber manchmal, wenn wir still genug geworden sind,
wenn etwas in uns sich geöffnet hat
ohne Forderung, ohne Erwartung,
dann geschieht es.
 
Fast wie ein Einverständnis zwischen uns und dem Leben.
Eine leise Berührung.
 
Und eventuell ist genau darin etwas,
was wir längst verlernt haben:
Diese Art von Offenheit.
Diese Bereitschaft, da zu sein, ohne festzuhalten.
Denn eine offene Hand weiß nichts von Sicherheit.
Sie kennt keine Garantie.
Kein Versprechen.
 
In ihr liegt eine Kraft, die nicht aus Kontrolle entsteht,
sondern aus Vertrauen.
Ein stilles Weitergehen, auch durch die dunkleren Stunden.
Ein Nicht-Verhärten an den Stellen, an denen das Leben uns müde macht.
 
Vermutlich ist es genau das, was uns trägt,
ohne dass wir es benennen können.
 
Etwas in uns, das nicht laut ist und doch nicht aufhört.
Das nicht kämpft, sondern bleibt.
 
Und in diesem Bleiben liegt eine Form von Demut.
Die Erkenntnis, dass das Wertvollste nicht festgehalten werden kann.
Dass Glück sich entzieht, sobald wir es sichern wollen.
Und dass das Leben uns nichts schuldet
und uns dennoch immer wieder beschenkt:
 
In flüchtigen Augenblicken.
In Begegnungen, die nur für einen Herzschlag lang bestehen.
In einem Gefühl von Nähe, das gerade deshalb leuchtet,
weil es nicht bleibt.
 
Möglicherweise besteht die Kunst nicht darin, diese Momente zu bewahren.
Sondern darin, ihnen Raum zu geben, während sie da sind.
 
Wie man einem scheuen Wesen Raum gibt.
Ohne es zu bedrängen.
Ohne es zu benennen.
Nur in der Gewissheit, dass es da war.
 
Und am Ende bleibt dieses Bild:
Eine Hand, die sich öffnet.
Ein Atemzug, der tiefer wird.
Ein ruhiger Raum, in dem nichts geschehen muss
und doch alles möglich ist.
Und irgendwo darin,
fast unhörbar,
ein Flügelschlag.
 
Das Wunder setzt sich nicht immer nieder.
Aber manchmal.
Und genau das ist des Glückes genug.


Was wäre, wenn es klappt?

22/4/2026

 
Bild
Es gibt Gedanken, die kommen ohne Glanz und Gloria.
Sie treten in den Raum wie ein leiser Windhauch, 
der kaum merklich eine Tür bewegt.

Einer dieser Gedanken lautet:
Was wäre, wenn es klappt?

Eine seltsame Frage eigentlich.
Denn wir sind es gewohnt, anders zu fragen.

Was ist, wenn ich scheitere?
Was ist, wenn ich mich irre?
Was ist, wenn ich mich überschätze?

Diese Fragen tragen viele Menschen 
wie kleine Gewichte in den Taschen ihres Lebens.
Sie halten uns vorsichtig fest.
Manchmal auch zurück.

Doch hin und wieder geschieht etwas Merkwürdiges.
Mitten zwischen all diesen Zweifeln taucht 
eine andere Möglichkeit auf.

Was wäre, wenn es gelingt?

Vielleicht ist es genau diese Frage, 
die wir am seltensten zulassen.
Denn sie öffnet eine Tür, 
hinter der etwas wartet,
das größer ist als unsere gewohnte Rolle.

Nicht unser Scheitern macht uns manchmal Angst.
Sondern unser Licht.

Die amerikanische Autorin Marianne Williamson
hat diesem Gedanken Worte gegeben -
in ihrem Buch "Return to Love",
Worte, die geblieben sind.

Später wurden sie in die Welt getragen,
als Nelson Mandela sie 1994 in seiner
Antrittsrede zitierte:

„Unsere tiefste Angst ist nicht, dass wir unzulänglich sind.
Unsere tiefste Angst ist, dass wir unermesslich stark sind.
Es ist unser Licht, das wir fürchten, nicht unsere Dunkelheit.
Wir fragen uns: Wer sind wir, dass wir leuchtend, hinreißend,
begabt sein dürfen?"

Vermutlich liegt darin eine besondere Wahrheit über das Menschsein.

Dass wir nicht nur lernen müssen zu fallen,
sondern auch zu stehen.

Nicht nur mit unserer Verletzlichkeit,
sondern auch mit unserer Kraft.

Denn Licht ist nichts Großartiges im Sinne von Größe.
Es ist etwas Natürliches.

Ein Licht kann ein Gedanke sein.
Ein Lied.
Ein Text.
Ein mutiger Schritt.
Oder einfach die Entscheidung, 
das eigene Leben ein wenig wahrhaftiger zu leben.

Und manchmal beginnt alles mit einer einzigen und
stillen Verschiebung der Frage.

Nicht mehr nur:
Was ist, wenn es schiefgeht?

Sondern vielleicht auch:
Was, wenn deine Idee tatsächlich Menschen berührt?
Was, wenn dein Text jemandem Mut macht?
Was, wenn dein Lied jemanden durch einen schweren Abend trägt?
Was, wenn dein Schritt andere inspiriert, ebenfalls einen zu wagen?

Vielleicht sind die Dinge, 
die wir in die Welt geben, 
kleiner als wir glauben.
Oder größer.

Wir wissen es nicht.

Und so bleibt am Ende nur diese eine Frage,
die man wie einen kleinen Stern 
in der Tasche mit sich tragen kann:

Was wäre, wenn es klappt?

Wie ein Licht,
das nicht plötzlich aufflammt,
sondern langsam heller wird.

Und vielleicht merkt man eines Tages,
dass es längst da ist:
​
Das Licht.

Ein innerer Tanz

15/4/2026

 
Bild
Und wenn der Tag sich neigt
und die Schritte langsamer werden,
dann frage dich nicht,
ob du alles richtig gemacht hast.

Frage dich nur,
ob du dich bewegt hast.

Ob dein Herz nicht ganz still geworden ist
unter zu vielen Pflichten.
Ob irgendwo ein kleines Schwingen war,
ein kaum sichtbares Kreisen,
ein Ja zum Ungewissen.

Es gibt in dir einen Raum,
der älter ist als deine Zweifel.
Einen Raum,
in dem kein Plan hängt wie ein Kalender an der Wand.
Dort atmet etwas.
Langsam.
Weise.

Bevor du beginnst,
werde still.

Nicht, um nichts zu fühlen,
sondern um alles zu hören.

Tanzen beginnt nicht mit einem Schritt.
Es beginnt mit einem Lauschen.

Lausche dem Puls unter deiner Haut.
Lausche dem Zittern in deinen Fragen.
Lausche der Sehnsucht, die sich nicht mit Sicherheit zufriedengibt.

Das Leben ist kein Exerzierfeld.
Es ist ein Kreis.
Und du stehst nicht am Rand.
Du stehst in der Mitte.

Vielleicht glaubst du, du müsstest wissen, wohin.
Doch der Kreis kennt kein Vorne und kein Hinten.
Er kennt nur Bewegung.

Wenn du tanzt, gibst du dich nicht auf.
Du gibst dich hinein.
In einen größeren Rhythmus.

Manche nennen ihn Schicksal.
Manche nennen ihn göttliche Führung.
Manche nennen ihn einfach Vertrauen.

Im Tanz legst du die Rüstung ab.
Nicht, weil es ungefährlich ist,
sondern weil es lebendig ist.

Tanzen heißt:
dem Unsichtbaren die Hand zu reichen.

Heißt:
den nächsten Schritt nicht zu erzwingen,
sondern ihn empfangen.

Heißt:
sich führen zu lassen
von einer Weisheit,
die größer ist als die Angst, kleiner zu werden.

Schließe die Augen.
Spüre deine Füße auf dem Boden.
Atme ein.
Atme aus.

Und dann –
erlaube dir eine innere Bewegung.

Ein leises Ja.
Ein kleines Kreisen im Herzen.
Ein Vertrauen ohne Beweis.

Vielleicht ist das Leben selbst ein Ritual.
Ein heiliger Kreis aus Anfang und Ende.
Und du bist nicht hier, um ihn abzumessen –
sondern um ihn zu durchschreiten.
​
Oder besser:
um ihn zu tanzen.

Tanze, solange der Boden dich trägt

8/4/2026

 
Bild
Es gibt Menschen, die gehen durch ihr Leben 
wie durch einen langen Flur.
Geradeaus. 
Zielgerichtet.
Mit einem Plan in der Hand 
und die Stirn in Falten gelegt.

Und es gibt andere, 
oder vielleicht sind es dieselben, nur zu anderen Zeiten, 
die spüren plötzlich, dass der Boden unter ihren Füßen 
nicht nur fest ist, sondern schwingt.
Dass Schritte nicht nur Mittel zum Zweck sind, 
sondern Ausdruck.
Antwort.
Resonanz.

Vielleicht ist genau das Tanzen.

Nicht als Technik.
Nicht als Choreografie.
Sondern als Haltung.

Tanzen heißt, dem Moment mehr zu trauen als der Angst.
Es heißt, nicht jeden Schritt vorher ausmessen zu müssen.
Es heißt, die Bewegung entstehen zu lassen, 
während man sich schon bewegt.

Wir sind es gewohnt, unser Leben zu strukturieren.
Karrierepfade. 
Fünfjahrespläne. 
Sicherheitsnetze.
Und all das hat seinen Platz.

Doch manchmal wird aus der Struktur eine Rüstung.
Aus der Vorsicht eine Starre.

Tanzen hingegen entsteht von innen.
Es ist ein Dialog zwischen dir und etwas Größerem.
Zwischen deinem Atem und der unsichtbaren Musik, 
die dich umgibt.

Manche nennen dieses Größere Gott.
Andere nennen es Intuition.
Wieder andere einfach Leben.

Vielleicht hast du körperlich lange nicht mehr getanzt.
Vielleicht erinnerst du dich an einen Abend, 
an Musik, 
an das Lachen, 
an dieses Vergessen der Zeit.

Aber es geht um mehr.

Tanzt du, wenn eine unerwartete Wendung kommt?
Oder versteifst du dich?

Tanzt du, wenn eine Beziehung sich verändert?
Oder klammerst du dich an das Alte?

Tanzt du, wenn das Leben dich einlädt, neu zu beginnen?
Oder bestehst du auf dem Plan von gestern?

„O Mensch, lerne tanzen, 
sonst wissen die Engel im Himmel 
mit dir nichts anzufangen.“ 
(Augustinus von Hippo)

Ich mag diesen Gedanken.
Nicht, weil Engel Buch führen.
Sondern weil er daran erinnert, 
dass wir bewegliche Wesen sind.
Dass wir nicht nur funktionieren, 
sondern schwingen.

Vielleicht ist das ganze Dasein 
ein großer Tanz zwischen Werden und Vergehen.
Zwischen Nähe und Loslassen.
Zwischen Licht und Schatten.

Wer tanzt, fällt auch.
Vertritt sich.
Verliert den Rhythmus.

Doch wer nie tanzt, verpasst die Musik.

Ganzheitlich leben heißt nicht, immer leicht zu sein.
Es heißt, auch mit der Schwere in Bewegung zu bleiben.
Auch mit der Angst einen kleinen Schritt zu wagen.
Auch mit Unsicherheit einen Kreis zu drehen.

Es heißt, dem Körper zuzuhören.
Dem Herzen.
Dem leisen Impuls, der sagt:
„Vertrau.“

Tanzen im Leben heißt nicht, alles loszulassen.
Es heißt, sich führen zu lassen von einer Weisheit, 
die tiefer reicht als dein Zweifel.

Und vielleicht, ganz vielleicht,
stehen die Engel nicht irgendwo oben,
sondern genau dort,
wo du den Mut findest,
dich zu bewegen.

Also heute, nur ein kleines Stück.
Lockere deinen Gang.
Lass die Schultern sinken.
Hör hin, ob irgendwo Musik ist.

Und wenn nicht,
dann erschaffe sie.

Laut oder leise.
Langsam oder schnell.
Egal.

Lockere deinen Gang.
Lass die Schultern sinken…
​

Gönn' dir die Stille

1/4/2026

 
Bild
​Einatmen.
Ganz unauffällig.
Ausatmen.

Zehn Minuten.
Mehr braucht es nicht.

Zehn Minuten, in denen du dich hinsetzt und nichts von dir verlangst. 
Kein Ziel, keine Verbesserung, kein Ankommen irgendwo anders. 
Nur dieses Dasein. 
Diese stille Geste ist eine feine Form der Selbstfürsorge und heilsam, 
weil sie nichts fordert. 
Friedensstiftend, weil sie dich zurückführt, 
bevor du dich verlierst.

In der Stille zu sitzen heißt nicht, leer zu werden.
Es heißt, ganz da zu sein.

Wenn das Außen für einen Moment leiser wird, 
zieht sich das Persönliche sanft zurück. 
Die Rollen, die Geschichten, 
das ständige Sich-Beziehen auf etwas oder jemanden 
verlieren an Gewicht. 
Und in diesem Zurücktreten öffnet sich ein Raum, 
der nicht privat ist, sondern weit. 
Etwas Universelles erscheint, nicht dramatisch. 
Keine Erschütterung. 
Eher wie ein Erinnern.

In dieser Stille bist du kein Kämpfer.
Keine Biografie.
Keine Geschichte, 
die getragen oder verteidigt werden müsste.

Du bist das, was hier ist.

Nichts, was geboren wird.
Nichts, was sterben kann.
Eine Präsenz, die nicht entsteht, 
sondern immer schon da war.

Spür hin.

Vielleicht tauchen innere Bilder auf. 
Gedanken. 
Erinnerungen.
Nimm sie wahr und lass sie weiterziehen.
Wie Wolken, die nichts vom Himmel nehmen.

Oft glauben wir, wir bräuchten die Welt, 
um uns selbst zu erkennen. 
Einen Spiegel. 
Eine Reaktion. 
Eine Situation. 
Doch in der Stille geschieht etwas Unerwartetes: 
Wahrnehmung ohne Gegenüber. 
Du nimmst dich wahr, ohne dich anzuschauen. 
Du erkennst dich, ohne dich zu benennen.

Es braucht keine Umstände dafür.
Keine Geschichte.
Keinen Freund und keinen Feind.

Hier bist du frei.

Nicht, weil alles gelöst wäre, 
sondern weil du für einen Moment in der Wahrheit des Lebens selbst ruhst. 
Und aus dieser Ruhe heraus verlieren die Umstände an Macht. 
Sie verschwinden nicht unbedingt, aber sie greifen weniger tief.

Das Leben brennt weiter.
Doch dieses Brennen erleuchtet, statt zu verzehren.

Und aus dieser Klarheit heraus teilt sich etwas ganz Natürliches: 
die Liebe, die wir sind. 
Nicht als Gefühl, das kommt und geht, 
sondern als ein Grundton. 
Als sanftes Dasein ohne Absicht.

Vielleicht verändert sich dann auch unser Bild vom Leben.
Wir sind nicht mehr das Schiff, 
das von den Wellen hin- und hergeworfen wird.

Wir sind nicht das Schiff.

Wir sind das Meer.

Weit.

Tragend.
​
​Still in der Tiefe.


Hör hin.

Die Wellen des Lebens bewegen sich weiter.
Doch sie bringen uns nicht mehr aus unserer Mitte.

Wir bleiben – bei uns,
wie das Meer in sich selbst ruht,
während an seiner Oberfläche alles in Bewegung ist.

Einatmen.
Ganz unauffällig.
Ausatmen.
Und nichts weiter tun.

Möge dir die Stille immer wieder gute Räume eröffnen…

<<Previous

    Inés Witt
    Singer/Songwriter
    ​
    "Die Kreativität
    ​in sich zu sehen,
    ist eine Kunst -
    wer aus ihr schöpft,
    ist ein Künstler."
    Wilma Eudenbach



    . 

    Archiv

    August 2026
    Juli 2026
    Juni 2026
    Mai 2026
    April 2026
    März 2026
    Februar 2026
    Januar 2026
    Dezember 2025
    November 2025
    Oktober 2025
    August 2025
    Juni 2025
    Mai 2025
    März 2025
    Januar 2025
    Dezember 2024
    November 2024
    Oktober 2024
    August 2024
    Mai 2024
    Februar 2024
    Dezember 2023
    Mai 2023
    März 2023
    Februar 2023
    Dezember 2022
    Oktober 2022
    Juli 2022
    Mai 2022
    April 2022
    August 2021
    Juli 2021
    Mai 2021
    April 2021
    August 2020
    Juli 2020
    Juni 2020
    Mai 2020
    April 2020
    März 2020
    Februar 2020
    Januar 2020
    Dezember 2019
    November 2019
    Oktober 2019
    September 2019
    August 2019
    Juli 2019
    Juni 2019
    Mai 2019
    April 2019
    März 2019
    Februar 2019
    Januar 2019
    Dezember 2018
    November 2018
    Oktober 2018

    Kategorien

    Alle

    RSS-Feed

© COPYRIGHT 2026   ALLE RECHTE VORBEHALTEN
  • Home
  • Blog
  • Musik
  • Svenes Nite
  • Videos
  • Über mich
  • Kontakt
  • Impressum