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Der November kommt leise.
Kein Monat tritt so sanft ein und keiner bleibt so still. Die Bäume stehen nun bald nackt da, als legten sie ihre Geschichten ab, Blatt für Blatt. Nebel hängt über den Feldern, selbst das Licht scheint zu flüstern, ehe es verblasst. In dieser gedämpften Welt wird die Zeit weich. Das Jahr zieht sich zurück wie ein Tier in den Winterschlaf und wir folgen ihm, fast unbemerkt. Die Tage sind kürzer geworden, aber das Dunkel ist nicht leer. Es atmet, es trägt Erinnerungen in sich. Der Geruch von feuchter Erde, der Klang von Regen auf den Fensterscheiben, das ferne Läuten einer Kirchenglocke im Nebel, all das gehört nun zur Magie des Novembers. Vielleicht ist es kein Zufall, dass gerade in dieser Zwischenzeit das alte Fest Samhain gefeiert wird. Ein Fest des Übergangs, ein Gruß an die, die vor uns waren, und ein stilles Einverständnis mit der Vergänglichkeit. Es heißt, die Schleier zwischen den Welten seien nun dünn und wer lauscht, könne hören, wie die Erde selbst spricht. Dann mag man sich an Worte erinnern wie diese, die gestern zu mir gefunden haben. Dann mag man sich an Worte erinnern wie diese, die uns Kraft geben können für die gesamte Zeit der Dunkelheit. Samhain-Segen: „Ich bin Licht im Dunkel, Funke im Nebel, Atem der Erde, Kind der Sterne. Ich gehe in Frieden, getragen vom Kreis des Lebens.“ Ein Gebet, das nicht nur an die Götter gerichtet ist, sondern auch an das Leben selbst. Ein stilles Versprechen, dass in jeder Dunkelheit ein Funke wohnt, der uns heimleuchtet. So schreitet der November weiter: langsam, würdevoll, wie ein alter Wanderer auf vertrauten Pfaden. Und während die Welt sich entblättert, wächst in uns ein neues Licht. Nicht grell und laut, sondern leise, wie der Glanz einer Kerze, die niemand gelöscht hat. Vielleicht ist das das eigentliche Geheimnis dieses Monats: dass er uns lehrt, im Rückzug das Werden zu erkennen, im Schweigen das Wort, im Nebel den Atem des Lebens. Im Glanz einer Kerze, die niemand gelöscht hat. |
Inés Witt
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