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In diesem Text geht es um ein seltsames Paradoxon:
Je mehr wir können, je tiefer unser Wissen reicht, desto schmerzlicher spüren wir die Lücken, die Unsicherheit, das große Unbekannte. Der Anfänger zittert, weil er nicht weiß, ob er genügen wird. Der Meister zittert, weil er weiß, wie viel er nicht weiß. Und so stehen beide vor dem gleichen Gegner: der Angst. Genauer gesagt, dem Lampenfieber. (Nebenbei gefragt: Wer ist ein Anfänger und wer ist ein Meister? Was ist mit den Menschen dazwischen? Darüber schreibe ich vielleicht zu einem späteren Zeitpunkt.) Kommen wir zurück zum Lampenfieber; Diese Angst ist keine reine Nervosität. Sie reicht tiefer, wurzelt im Stolz, im Wunsch, gesehen zu werden, aber bitteschön so, wie wir gesehen werden wollen. Und dabei geschätzt zu sein. Es ist die Angst vor dem Fall, nicht von der Bühne, sondern vom inneren Podest, das wir uns selbst gebaut haben. Und je höher es steht, desto tiefer der Sturz. Denn dort liegt der Kern des Problems: In der Wichtigkeit, die wir uns selbst beimessen – oft ohne es zu merken. In der leisen Überzeugung, dass unser Scheitern nicht nur unser Handeln, sondern unser Wesen entwertet. Und so fürchten wir nicht den Auftritt selbst, sondern das Urteil, das er über uns sprechen könnte. Aber wie wäre es, wenn wir einfach aufhörten, wichtig zu sein? Nicht im Sinne von Gleichgültigkeit oder Selbstaufgabe – sondern im Sinne einer befreienden Unwichtigkeit. Nicht das „Ich“ steht im Scheinwerferlicht. Sondern das Lied, die Geschichte, das, was durch uns in die Welt will. Das Ego tritt einen Schritt zurück, und plötzlich ist da Raum: für Freude, für Ehrlichkeit, für echte Verbindung. Der Unwichtige hat keinen Ruf zu verlieren. Er ist da, um zu geben, nicht um zu glänzen. Er spielt, singt, spricht – nicht um geliebt zu werden, sondern weil er liebt, was er tut. Er ist nicht „jemand“, sondern einfach Mensch. Und gerade dadurch berührt er. Diese Unwichtigkeit ist kein Mangel, sondern eine Meisterschaft. Sie entsteht aus Einsicht: Dass Wichtigkeit gelernt, gefüttert, verteidigt werden muss – und am Ende oft zu Einsamkeit und Bitterkeit führt. Wer hingegen seine eigene Wichtigkeit loslässt, wirft Ballast ab. Er wird leicht. Er wird echt. Man kann sie üben, diese Kunst der Unwichtigkeit. Indem man sich selbst beobachtet, aber auch die anderen – jene, die sich für wichtig halten und durch diese Haltung oft scheitern, scheuen oder schaden. Indem man erkennt: Die Bühne ist kein Tribunal. Sie ist ein Ort der Begegnung. Und das Publikum ist selten so kritisch wie wir selbst. Ein Mensch, der unwichtig geworden ist – nicht aus Resignation, sondern aus Klarheit – wird nicht mehr zerbrechen an Ablehnung oder Versagen. Denn er hat sich nicht auf einen Thron gesetzt, von dem er fallen könnte. Er steht auf festem Boden – mit beiden Füßen, mit offenem Herzen. Lampenfieber ist dann kein Dämon mehr. Eher ein alter Bekannter, der kurz zu Besuch kommt. Aber nicht bleibt. Die Bühne ist ein Ort der Begegnung... |
Inés Witt
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